Finally. Nach einer gefühlt mehrjährigen Durststrecke durften wir im Juli endlich wieder unser Lieblingsfestival im hübschen Nêuchatel besuchen, uns mit Freunden treffen, feine Bierchen kippen und (meist) fantastische Filme reinziehen. Wie immer hatten wir die Qual der Wahl, denn das Programm dies diesjährigen NIFFF glänzte wiederum mit einem tollen Querschnitt aus allen Bereichen des Genre-Films. Schlussendlich haben wir uns für folgende Filme entschieden.
Knackninger (Sweden, 2021)

Mit ihrem Regiedebut lässt Schwedin Frida Kempff aufhorchen und nimmt die Zuschauer mit auf die Reise in den von Paranoia geplagten Kopf ihrer Hauptprotagonistin. Cecilia Milocco spielt Molly, eine Frau, welche nach einem einjährigen Aufenthalt aus der Psychiatrie entlassen wird, aber immer noch von Alpträumen über den dramatischen Verlust ihrer Freundin geplagt wird. In ihren eigenen vier Wänden angekommen, hört Molly ein Klopfen. Überzeugt, dass es sich um ein in Morsecode handelt, geht sie dem Ursprung der vermeintlichen Botschaft auf die Spur und fällt so immer weiter in die noch nicht auskurierte Psychose. In klaustrophobischen Szenerien nimmt Regisseurin Kempff die Zuschauer mit auf die Reise durch Mollys Paranoia. Die Geschichte des Thriller-Dramas ist einfach gestrickt und nicht sonderlich clever. Es gilt auch kein Who-done-it-Mysterium zu lösen. Im Fokus steht die von Milocco brillant interpretierte, emotionale Reise von Molly und die handwerklich kreative Erzählweise, die sich komplett auf die Stimmungen und Sinne der Hauptrolle ausrichtet. Im Kern visualisiert „Knocking“ die suggestive und subjektive Erfahrung von Einsamkeit und die Auswirkungen emotionaler Isolation. Ein starker Film.
(Review: Ronny Kupferschmid)

Shock Wave 2 (Hongkong, 2020)

Andy Lau, Chinas Antwort auf Sylvester van Schwarzenegger ist schon lange im Geschäft. Doch auch mit bereits 60 Jahren auf dem Buckel hat Lau noch nicht genug. Bereits in „Shock Wave 1“ gab er einen kampferprobten Bombenexperten, der sich schlussendlich selbstlos opferte. Und weil dieser Blockbuster nicht nur in China ein paar Milliönchen in die Alibaba-Taschen spülte, steht Lau selbstvernatürlich auch fürs vermeintliche Sequel auf der Matte. Vermeintlich, weil „Shock Wave 2“ so gut wie nix mit „Shock Wave 1“ zu tun hat. Ausser, dass der Plot 1:1 kopiert und neu aufgelegt wurde. Erwartet also keine Fortsetzung, sondern nochmals viel Kaboom, ein Haufen recht lächerlicher CGI-Effekte, einen von Pathos durchtränkten Plot und viele Flashbacks. Ja, „Shock Wave 2“ erzählt die Geschichte ausnahmslos in Flashbacks. Auch eine Möglichkeit, sich nicht sonderlich aufs Drehbuchschreiben konzentrieren zu müssen. „Shock Wave 2“ ist Aliexpress auf Film. Irgendwie befriedigend, solange man nicht zu lange darüber nachdenkt.
(Review: Ronny Kupferschmid)

Gaia (Südafrika, 2021)

Die Natur schlägt zurück. Oder so. Vor Ort im Tsitsikamma-Nationalpark in Südafrika sind es die Naturbilder, die auch nach Filmschluss haften bleiben. Monique Rockman spielt eine Park-Rangerin, welche sich im Dickicht des Nationalparks verirrt und bei zwei Waldnomaden Unterschlupf findet. Wir sind ja hier am NIFFF, also Ehrensache, dass es sich bei „Gaia“ nicht um eine seelenverwandte Geschichte des thematisch ähnlichen, aber superioren „Leave No Trace“ handelt, sondern um ein nettes Horror-Filmchen. Glücklicherweise lässt Drehbuchautor Tertius Kapp keine Hillbillie-Klischées zu und porträtiert die beiden Hinterwäldler als sozialkritische, zynische und konsequent agierende Aussteiger, welche sich physisch und psychisch der Natur unterstellen. Ob es jetzt die aus „Last of Us“ geklauten Pilzmenschen aka Klicker wirklich gebraucht hat, darüber können wir uns streiten. Aber Lust auf Pilzschnitten macht der Film definitiv keine. Dezent verstörend und cinematographisch top, „Gaia“ gefällt.
(Review: Ronny Kupferschmid)

Get the Hell Out (Taiwan, 2020)

Im Taiwanischen Parlament bricht ein Virus aus und prompt verwandeln sich Menschen in Zombies. Kennen wir. Lieben wir. Die politischen Anspielungen sind uns aber zu fremd. Was hier anders ist: Der Film ist total aufgedreht und cartoonesk, wie eine Gameshow aus dem fernen Osten. Dabei ist „Get the Hell Out“ auch sehr blutig, aber selten ekelhaft. Die Bilder werden sekündlich mit einem neuen Filter oder grafischen Layover – wie man es aus den sozialen Medien kennt – bombardiert, sodass der Streifen schrill und farbig wirkt und manchmal zu einem artifiziellen Meme verkommt. Soweit so gut. Aber irgendwie reicht das nicht aus und ist für ganze 100 Minuten einfach zu ermüdend.
(Review: Dr. Elwood Stantz)

Droste no hate de bokura (Japan, 2021)

Zeitreisen filmisch umzusetzen sind immer wieder komplex, schon nur wegen dem Grossvaterparadoxon (man erinnere sich an die Futurama-Folge „Roswell that Ends Well“). Der Film „Beyond the Infinite Two Minutes“ – so die englische Übersetzung des Filmtitels – bricht die Problematik runter und seziert es folgendermassen: Ein Bildschirm in einem Café erlaubt einen Videochat mit einem anderen Bildschirm im Stockwerk oben dran. Der Clou: Der Videochat hat eine Verzögerung von zwei Minuten… In die Zukunft. Knapper lässt sich eine Zeit-Raum-Problematik kaum darstellen. Der Streifen ist wie ein Theaterstück aufgebaut und täuschte eine einzige, 70-minutenlange Plansequenz ohne Schnitt vor. Smart, charmant, witzig und durchaus sehenswert.
(Review: Dr. Elwood Stantz)

Tides (Schweiz, Deutschland 2021)

Mitte 21. Jahrhundert: Da die Erde durch Verschmutzung, Rohstoffmangel und Erderwärmung unbewohnbar geworden ist, hat die Menschheit die alte Heimat verlassen und daraufhin die Weltraumkolonie Kepler 209 gegründet. Doch auch in der neuen Heimat tauchen existentielle Probleme auf: denn seit zwei Generationen gelingt die Fortpflanzung der eigenen Rasse nicht mehr. In der Hoffnung, dass sich das Ökosystem der Erde wieder regeneriert hat und so die Fähigkeit zur Reproduktion begünstigen könnte, entsendet man eine wissenschaftliche Mission dorthin. Diese trifft zwar auf menschliche Überlebende, aber auch auf Unerwartetes. Wie Waterworld arbeitet auch Tides mit einem postapokalyptischen Szenario im Wasser. Viele Szenen wurden im Watenmeer in Norddeutschland gedreht. Schweizer Regisseur Tim Fehlbaum konnte die gewünschte Atmosphäre auf die Leinwand übertragen, trotz ein paar Längen reisst die Story mit. Musikalisch referiert sich der Film mit einem akribisch auf die jeweilige Szene abgemischten Sound stark an Bladerunner 2049, wie Fehlbaum selbst an einer Fragerunde bestätigte. Lediglich das allzu offene Ende vermag nicht recht zu befriedigen, lässt zu viel offen für Spielraum. Mit seinem Erstling Hell griff Fehlbaum das Naturelement Feuer als übergeordnetes Thema auf, mit Tides nun Wasser, folgen bald die zwei noch verbleibenden Elemente?

(Review: Boris Ischi)
Frank & Zed (USA, 2020)

In einer unbekannten Epoche, in einem noch unbekannteren Land herrschte vor Jahrhunderten ein teuflischer Hexer über ein kleines Königreich. Schlussendlich konnte er vom darbenden Volk bezwungen werden, aber belegte es vor seiner Flucht mit einem Fluch: sollte die Blutslinie der nachfolgenden Königsfamilie jemals enden, so würden alle in einer „Orgy of Blood“ umkommen. Unwissentlich hinterliess er dem Volk auch seine beiden Diener Frank und Zed in der Burgruine abseits des Dorfes zurück, die dort seither in einer Art Wechselbeziehung ihr Dasein fristen. Frank jagt in der Umgebung Tiere, um damit den Blutdurst von Zed zu stillen. Zed wiederum jagt Frank die für ihn lebensnotwendigen Stromschläge durch den Körper. Ihr skurriles Dasein als Eigenbrötler wird jäh beendet, als Frank sein Jagdrevier erweitert und versehentlich einen Dorfbewohner tötet. Der neue König wittert die Gelegenheit, seine Macht zu festigen und bringt die Bevölkerung gegen die beiden auf. Die prophezeite Blutorgie droht ihren Lauf zu nehmen… „Frank & Zed“ ist ein mit Puppen animierter Film, gesprickt mit viel Gore, welcher automatisch wohlwollend an Meet the Feebles von Peter Jackson erinnert. Die simple, aber runde Story, viel Handarbeit bei der Animation, zwei sympathische Antihelden in den Titelrollen – dieser Film gefällt! Auch wenn das Ende so ganz und gar nicht märchenhaft anmutet.

(Review: Boris Ischi)
Censor (UK, 2021)

Enid (Niamh Algar) hat unseren Traumberuf. Sie arbeitet bei der Zensurbehörde und prüft zig Horrorfilme auf ihre Allgemeintauglichkeit. Welche Szenen können der Öffentlichkeit zugemutet werden, welche Filme müssen neu geschnitten werden oder laden auf dem Index, Enid entscheidet. Natürlich hat dieser Job auch seine Schattenseiten, wer will sich schon mit egomanischen Produzenten streiten oder dafür gradstehen, wenn sich ein Psychopath aus einem freigegeben Slasher inspirieren lässt? Kommt hinzu, dass Enid selbst psychisch instabil im Leben steht und durch all die Horrorszenen ihre Grenzen zwischen Job und Realität zu verschwinden drohen. Regisseurin Prano Bailey-Bond gelingt mit „Censor“ ein grossartiger Gernefilm, in welchem sie sowohl eine liebevolle Hommage ans VHS-Zeitalter schafft und trotzdem ein eigenes kleines Beast kreiert. Besonders das kreative Bild- und Sounddesign, mit welchem sie die realen und vermeintlich fiktiven Welten verbindet, ist grossartig. Bin gespannt was Prano Bailey-Bond als nächstes Projekt anpackt.

(Review: Ronny Kupferschmid)
Cryptozoo (USA, 2021)

Ein von Comic-Zeichner Dash Show visionär gezeichneter Animationsfilm führt uns in den 70er Jahren durch einen Zoo voller Fabelwesen, welche hier vor Wilderern sicher leben können, zu Finanzierungszwecken aber gleichzeitig auch für Shows herhalten müssen. Durch die Machtgier eines Generals geraten plötzlich alle in Gefahr und Forscherin Lauren Grey versucht, sie zu retten. Die in satten Farben und allerlei Formen erzählte Story reisst dank offensichtlicher Erzählweise ohne Umschweife, ihrem Humor und oftmals ironischen Bezügen auf Metabene mit. Aber auch gezeichnet nehmen einen die brutalen, grausamen Momente mit und davon gibt es im Film einige. Nicht nur rein optisch betrachtet ist Cryptozoo wie ein Blick durchs Kaleidoskop: es gefällt einem oder nicht und sowieso erschliessen sich viele Details erst nach mehrmaligem Betrachten. Nicht nur völlig offenen Geistern sei der Gang durch diese Traumwelt empfohlen.

(Review: Boris Ischi)
Hotel (Österreich, 2004)

Die frisch ausgebildete Irene tritt ihre erste Stelle als Rezeptionistin an. Das abgelegene Hotel, in dem sie nun arbeitet, in der Österreichischen Idylle ist aber äusserst „unheimelig“. „Hotel“ schafft es, ein Gefühl des Unbehagens auf die Zuschauer zu übertragen. Alle Mittel werden dabei ausgeschöpft: Kameraeinstellungen, Aufnahmen die unangenehm lange dauern, Kulissen mit einer bedrohlichen Leere, Dialoge wo gänzlich Menschlichkeit und Wärme fehlt, sowie Handlungsstränge die mysteriös und gefährlich wirken. Leider wurde sonst nichts geboten und so hat uns der Film trotz knapper Länge mehrheitlich gelangweilt.

(Review: Dr. Elwood Stantz)
Lapsis (USA, 2020)

Schöne neue Welt. Der Arbeitsmarkt ist ausgetrocknet, gut bezahlte Jobs sind Mangelware. Doch die Quantum-Technologie springt in die Presche und bietet wanderlustigen Interessenten die Möglichkeit, Spaziergänge und Geldverdienen unter einen Hut zu bringen, in dem sie verschiedene Quantum-Blöcke zu Fuss mit kilometerlangen Kabeln verbinden müssen. Dumm nur, dass die monopolistische Kabelfirma Effizienz und die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden nicht gleich gewichtet. Regisseur Noah Hutton zeichnet mit „Lapsis“ ein trauriges Gesellschaftsbild, in welchem der Shared-Economy-Gedanke bis zum Exzess ausgeschlachtet wird und die Technologie sozial gebeutelte Menschen ausschröpft. „Lapsus“ könnte auch gut in die Black-Mirror-Reihe passen und macht dank tollen Einfällen und sympathischen Charakteren Spass. Kleiner Geheimtipp.

(Review: Ronny Kupferschmid)
Vildmænd (Denmark, 2021)

Ach, die Dänen. Auch mit „Wild Men“ beweisen die Skandinavier, dass sich Sentimentalität und dunkelster Humor nicht beissen müssen. Im Gegenteil! „Wild Men“ legt den Fokus auf Männer, welche orientierungslos in der Mitte ihres Lebens stehen. Die Middle Crisis wird hier mit Hasch-Handel und Nomadenleben bekämpft. Besonders Martin (grandios: Rasmus Bjerg) versucht sein vordergründig glanzvolles Familienleben mit einen Abenteuer im Wald zu relativieren. Mit Pfeil, Bogen und Fell campiert er fernab der Zivilisation. Bis ihn die Realität, in Form eines flüchtigen Drogendealers, einholt. Kurzweilig, humorvoll, schwarz und einfach eine runde Sache. Mein Highlight des diesjährigen NIFFF.

(Review: Ronny Kupferschmid)
The Feast (UK, 2021)

Der walisische Parlamentsabgeordnete veranstaltet in seinem Ferienhaus in Wales – welches prunkvoll, modern und stilvoll im walisischen Hinterland steht – eine Abendessen und dabei hat seine Frau kurzfristig eine junge Dame aus dem lokalen Pub als Aushilfe angeheuert. Die Familie ist sehr wohlhabend und nicht frei von familiären Problemen und Disputen. Da scheint die lokale Aushilfsköchin, welche leicht debil wirkt, ein völliger Fremdkörper zu sein in diesem Mikrokosmos. Der Psycho-Horror auf walisisch ist ein spannendes und langsam voranschreitendes Werk, welches besonders Kamera-Nerds befriedigt mit den vielen detailverliebten Kameraeinstellungen. Trotz moralischer Botschaft überzeugt und begeistert dieses moderne und düstere Märchen durchwegs. Oft mit Beklommenheit und manchmal mit Schockmomenten. Wir sagen: Diolch yn fawr iawn!

(Review: Dr. Elwood Stantz)