Review:

Kurz:

Lionman und sein Trampolin.

Lang:

Ein Hoch auf AGFA. Nicht die bekannte Firma aus Belgien/Deutschland, nein, ein Hoch auf das „American Genre Film Archive“, eine in Texas situierte Non-Profit-Agentur, welche sich auf unglaublich abstruses Filmschaffen eingeschossen hat und in regelmässigen Abständen altes Filmgut ausgräbt, um es auf ansehnlichen Blu-Ray-Prints wieder zu veröffentlichen.

So habt ihr es AGFA zu verdanken, dass wir nach „Tarkan vs. the Vikings“ endlich mal wieder einen qualitativ ansprechenden Turksploitation-Film bewerten können. Und wenn wir von Qualität sprechen, meinen wir selbstverständlich nicht die inhaltliche oder die inszenatorische Seite, sondern rein die Art und Weise, wie es AGFA fertig bringt, von einem alten 35mm-Print einen doch ansehnlichen 4K-Transfer zu kreieren.

„Tarkan vs. the Vikings“ war einer der ersten Filme, welchen wir im Rahmen der Kultmoviegang rezensierten. Ein grandios debiles Vikinger-Kampffest, welches in seiner ganzen Erhabenheit auf Youtube reingezogen werden kann.  Entsprechend gross war die Euphorie, als wir mitbekommen haben, dass mit „Kilic Aslan“ von 1971 ein Turksploitation-Klassiker auf Blu-Ray erscheinen wird.

Wer dieses Genre kennt weiss, bei Turksploitation-Filmen wird schamlos geklaut. „Turkish Star Trek (Turist Omer Uzay Yolunda)“, „Turkish Exorcist (Seytan)“ oder natürlich das Piece-de-Resistance schlechthin „Turkish Star Wars (Dünyayi Kurtaran Adam)“ sind nur ein paar Paradebeispiele. „The Sword and the Claw (Kilic Aslan)“ bedient sich primär bei Tarzan und „Conan the Barbarian“.

Cüneyt Arkin, Mr. Turksploitation, spielt in diesem Streifen einen Waisenjungen, der von Löwen aufgezogen wird, um anschliessend seinen Vater zu rächen. Go Lionman Go. Oder sollten wir eher sagen: „Jump Lionman Jump“? Dazu später mehr.

Bei einer solchen Story ist schnell klar, hier wir ein Menü für Filmmasochisten aufgetischt. Geniesst, wie „Lionman“ seine Klauen ausfährt und damit Gliedmassen abhackt. Ok, fairerweise ist zu sagen, dass lediglich zwei Paar Hände dran glauben müssen, ansonsten fehlte natürlich Budget, um eine Splatterorgie zu inszenieren. Wer braucht schon Blut, wenn er Genre-Star Arkin hat. Dieser wirft sich mit mächtig Elan in jede Szene. Wortwörtlich. Kaum ein Moment vergeht, in dem er nicht von einem versteckten Trampolin zum nächsten springt, mit Bruce Lee-artigen Grimassen herum kreischt und mit weniger geschickten, dafür aber sehr energischen Tritten und Schlägen seine Widersacher eindeckt.

Nebst seinen spastischen Ausflügen ist Arkin nur mässig brauchbar. Sein bedeutungsschwangeres Schauspiel ist talentbefreit und seine Monologe beschränken sich auf krampfhafte Oneliners, welche sogar den Terminator zu Fremdscham treiben würden. Ja, Lionman kriegt nicht viel zusagen. Nicht das es wichtig ist, gibt es doch den HD-Transfer des Streifens nur in englischer Synchron-Fassung.

Wer uns kennt, weiss um unser Verhältnis zu synchronisierten Filmen.  „Glücklicherweise“ gehört dieses Dubbing hier definitiv zum Schlechtesten überhaupt, was den Unterhaltungswert des Streifens unweigerlich steigert. Offensichtlich bestehen die paar wenigen Synchronsprecher, welche mehrere Rollen sprechen, aus Nicht-Schauspielern, die es nicht einmal versuchen, ihrer schlaffen Ausdrucksweise ein bisschen Pepp zu verleihen. Man hat Angst, dass sie plötzlich wegdösen, so gelangweilt ist deren Arbeit in „The Sword and the Claw“. Und obwohl wir kein Freund gedubbter Filme sind, steigert diese Nahezu-Arbeitsverweigerung der Synchronsprecher die surreale Qualität des Films.

Schön, dass ein guter Blu-Ray-Transfer die billige Machart schonungslos entblösst. Wie schon bei „Tarkan vs. the Vikings“ sind die dutzend, preiswert kostümierten Statisten eine Augenweide. Ihre farbenfrohen, liebevollen Dekorationen von Haut und Haupt legen den Budgetengpass auf herzlich infantile Art und Weise offen. Die Soldaten beispielsweise tragen Kopfschmuck, welcher sich nicht zwischen bemalten Plastikeimern und mit Lack verziertem Karton entscheiden kann. Vor unserem geistigen Auge sehen wir die gemeinsamen Bastelstunden der „Sword & Claw“-Statisten. Yup, „The Sword and The Claw“ wirkt wie ein Karneval für Mittellose.

Gewürzt wird das Trash-Fest mit einzelnen Szenen, die in ihrer Absurdität ihresgleichen suchen. Die Splitscreen-Aufnahmen des Lionman mit seinem Ziehvater-Löwe, die blauschimmernde Gesichtsbehaarung des Königs oder die Szene, in welcher Lionmans Hände durch Säure verätzt werden, Säure, die notabene aus einem Tontopf (!) geschüttet wird, bleiben nachhaltig im Gedächtnis der Zuschauer.

Fazit:

Auch wenn „The Sword and the Claw“ sich mit der Zeit in immer gleiche dramaturgische Muster verstrickt, Trampolin oh Trampolin, entfaltet der Streifen durch seine Erzählweise eine hypnotisierend bizarre Wirkung und bietet nebst unglaublich miesen, aber sehr liebevoll gebastelten Kostümen, die Basis für das wohl effektivste Trinkspiel ever. Kippe einen Shot, wenn sich Lionman auf Trampolins austobt und du hüpfst mit Sicherheit nach 30 Minuten in Richtung Toilettenschüssel.

 

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