Kurz:

Das fiktive Land „Shadaloo“ wird von einem Diktator tyrannisiert. Wer kann ihm das Handwerk legen? Natürlich Kampfsportler!

Lang:

Raul Julia (Presumed Innocent, The Addams Family) herrscht als „General M. Bison“ mit eiserner Faust über das südost-asiatische Land. Dabei terrorisiert er nicht nur das lokale Volk, sondern geisselt die ganze Welt, wie ein klassischer Bond-Bösewicht: Erpressungen der internationalen Gemeinschaft, Geschäftstätigkeiten mit der Unterwelt und nebenbei plant er auch noch die Entführung der Queen (Wie es sich eben gehört für ein böses Genie). Und das ruft natürlich die „Allied Nations“ auf den Plan. Diese werden angeführt vom amerikanischen Oberst „William F. Guile“, der komischerweise mit einen starken franko-flämischen Akzent Englisch spricht. Denn, „Guile“ wird von „The Muscles from Brussels“ (Timecop, Double Team) interpretiert.

Wiederholen wir: Es ist ein Schlagabtausch zwischen Blauhelmen und einem kriminellen Staatsoberhaupt. Reicht das, um Kinogänger der 90er zu fesseln? Natürlich nicht! So tauchen zusätzlich zum Helden und dem Antagonisten folgende Figuren auf:

  • eine durch Rache getriebene Journalistin,
  • ein spanischer Schönling mit Maske und
  • ein jamaikanischer IT-Spezialist mit Roberto-Baggio-Frisur.

Und dies ist nur eine kleine Auswahl an Dramenfiguren dieses Actionfilms. Der Grund für die horrende Quantität an dünnen Charakteren, ist wohl der Versuch, alle 14 Charaktere des Videospiels „Street Fighter“ einzubauen. Man will ja schliesslich keinen Fan der Spielreihe enttäuschen.

Der geistesgesunde Leser merkt jetzt bereits, dass die Produktion folgendes Credo verfolgte: Quantität statt Qualität. Und entsprechend überrascht es nicht, dass in „Street Fighter“ der Sinn der verschiedenen Rollen nicht nachvollziehbar bleibt und die Beziehungen zwischen den Charakteren sich so komplex und unübersichtlich gestaltet, dass die Logiksphäre ziemlich schnell zerbricht.

Obwohl (fast) alle Kämpfer des Spiels auftauchen, haben sie weder optisch noch charakterlich einen grossen Wiedererkennungswert. Man hat oft das Gefühl, dass Ryu und Co. in Rollen gepfercht wurden, die gar keinen Bezug zu ihren 16-Bit-Vorlagen besitzen. Beispielsweise wurde der feuerspuckende Yogi „Dhalsim“ kurzerhand zu einem gefangenen Wissenschaftler umgewandelt. Weiter wurde der japanische Sumo Ringer „E.Honda“ in einen hawaiianischen Tontechniker verwandelt. Da drängt sich die Frage auf, ob bereits ein mässig brauchbares Drehbuch in einer Schublade vorlag, bevor die Idee aufkam den Pixel-Schlägern einen Film zu spendieren.

In „Street Fighter“ fokussiert sich die Action hauptsächlich auf Explosionen und Stunts. Dies ist in meinen Augen nicht verständlich, da die Bezugsquellen des Videospiels prädestiniert sind für einen soliden Eastern. Besonders wenn man in Betracht zieht, dass einige der Hauptdarsteller talentierte Kampfkünstler sind.

Demgegenüber erinnert die Atmosphäre von „Street Fighter“ stark an die eines Zirkus: Auffällige und witzige Uniformen, eine comichafte Geräuschkulisse und ein Szenenbild, welches den Piraten in Batavia gleicht. Nur noch der Geruch von Pferdeäpfeln und Sägemehl würde das Flair vervollständigen. Und in diesem ganzen cineastischen Zirkus gibt Raul Julia den Zirkusdirektor: Er ist eindeutig der wichtigste Schauspieler in „Street Fighter“. Die ausdrucksvolle Artikulation, welche besonders bei Monologen zu tragen kommt, gepaart mit seinen grossen Augen und der Uniform aus Lack und Leder, ist einzigartig und packend. Die restlichen Schauspieler wirken zwar nicht unbeholfen vor der Kamera, sie spielen aber äusserst unglaubwürdig und talentfrei. Dies aber zu unserem Vergnügen, denn die Schauspielfähigkeiten sind dadurch wiederwillig unterhaltsam. Besonders die vom Akzent unterwanderte Motivationsansprache von Jean-Claude Van Damme ist pures Trash-Gold.

Der Höhepunkt des Films wird letztendlich erreicht, wenn dass das lächerlich wirkende Monster „Blanka“ mit Neandertaler Stirn, giftgrüner Haut und einer schütteren Pumukel-Perücke befreit wird. Zu diesem Zeitpunkt merkt auch der unerfahrene Kinogänger, dass dieser Film Augen und Intellekt schindert.

Blanka

Auch wenn es den Anschein machen könnte, bei „Street Fighter“ handelt es sich nicht um eine Billigproduktion, ist dies nicht der Fall. Man hat allerdings das Gefühl, dass die Ressourcen falsch verteilt wurden. Die Auslagen für Pyrotechnik und namhafte Besetzung hätte beispielsweise besser in die Qualität des Drehbuches gesteckt werden sollen.

Fazit:

Die Fans des beliebte Spielhallen-Prügler von Capcom erkennen ihre liebsten Charaktere kaum. Nebst Wiedererkennungswerte fehlt „Street Fighter“ zweifellos eine präsente Kung-Fu-Ästhetik. Auf der anderen Seite bietet die trashige Manege dem Limit-Leser gleichwohl alles was er braucht. Und Raul Julia fasziniert mit seiner pathetischen Darstellung. Ah ja, fast vergessen: Kylie Minouge wirkt mit blonden Zöpfen und Militäruniform sehr adrett.

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2 thoughts on “Rezension: Street Fighter (1994)

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