Back again. Endlich. Nach einem für uns viel zu langen Jahr kehrt das Fantastische Festival endlich wieder in unserer Lieblingsecke der Romandie – Nösch, aka Neuchâtel – zurück! Mit einem prall gefüllten Schlachtplan an Filmen und Kurzfilmen bleibt das NIFFF seinem altbekannten Stil treu und bietet auch heuer wieder viel zu viel um über alles zu berichten. Schliesslich warten zwischen den Screenings auch noch diverse Freunde, endlose Nerdtalks unter Filmfreaks und das eine oder andere Bierchen in der charmanten Stadt auf uns. Boris, Elwood, Tanja und Ronny haben sich trotzdem ein ein paar ausgewählte Reviews gewagt:

The Assistant (2022)

Zafik, Handlanger eines Syndikats, wandert unschuldig für mehrere Jahre ins Gefängnis. Während er dort schmort, erfährt er, dass seine Frau und sein Sohn umgebracht wurden und verliert nach der Entlassung jeglichen Halt in seinem Leben. Just in diesem Moment trifft er auf Ferox, einen Cousin seiner Frau, welcher meint, Töten sei die einzig richtige Vergeltung und ihm für den Rachefeldzug gleich seine Unterstützung anbietet. Und die hat es in sich! Ferox weiss nicht nur Diverses über Täter und Umfeld, er scheint mit seiner skrupellosen Art auch allen Gegnern gewachsen zu sein, mit einem irren Grinsen erledigt er einen nach dem anderen mühelos. Das Ganze erinnert stark an John Wick, wäre da nicht Hairul Azreen, der seine Rolle als tötender Helfer mit diabolischer Freude spielt. Dieser tänzelt scheinbar mühelos durch Schiessereien und sauber choreografierte Kampfszenen. Obwohl beide massig vorkommen, ermüden sie nicht, zu oft werden sie in verschiedene Umgebungen eingebettet. Die Story scheint gegen den Schluss arg an den Haaren herbeigezogen, aber um zwei solch unterschiedliche Figuren wie den abgedrehten Ferox und den ängstlichen Zafik tragen und gemeinsam agieren lassen zu können, passt das. Das Ende überrascht auch eingefleischte Revenge Movie-Insider und stellt achtsam mitdenkende Kinobesucher zufrieden.

(Review: Boris Ischi)


The Cow Who Sang a Song Into the Future (2022)

„The Cow Who Sang a Song Into the Future“ ist das Langfilmdebüt von Francisca Alegría, das Ende Januar 2022 beim Sundance Film Festival seine Premiere feierte. Ich geb’s ja zu. Magischer Realismus ist nicht mein Ding und vielleicht habe ich den Film auch nicht wirklich verstanden, aber bis auf die wunderschön eingefangen Landschaftsbilder, welche oft auch an Terrence Malick erinnern, blieb nicht sonderlich viel haften. Im Zentrum des Streifens steht eine Familiengeschichte, in welcher sich durch die Rückkehr der totgelaubten Magdalena (Mía Maestro) immer mehr Risse offenbaren. Leider bleibt es nicht bei diesem einen Handlungsstrang. Die Rolle von Müttern, Ökokatastrophen, Transgender-Identitätsfindung und eine Horde singender Kühe, welche sich aufgrund der Trennung von ihren Kälbchen in den kollektiven Selbstmord singen, sind einfach zu viel des Guten. Nach 98, gefühlt 140 Minuten, glaube ich zwar die Ideologien der Regisseurin zu verstehen, der Film selbst hat sich mir aber nicht erschlossen.

(Review: Ronny Kupferschmid)


Blaze (2022)

Ein Drama mit Simon „The Mentalist“ Baker, welcher zugleich subtil, ernst, unangenehm und fantasievoll ist. Nachdem die junge Blaze einem traumatischen Ereignis beiwohnen muss, bewegt sie sich heftig zwischen Pubertät, Schuldgefühlen, Nervenzusammenbruch und Eskapismus. Der Film sticht besonders durch die junge Hauptdarstellerin Julia Savage hervor, die mit ihrem Können und ihrer beneidenswerten Mähne die Gefühlslage des Charakters beeindruckend rüberbringt. Die Zuschauer:in wird emotionsgeladen mit abwechslungsreichen Kameraeinstellungen und farbigen wie auch kitschigen Kunstwerken durch den Film geführt. Was stören kann: Der Film ist mit Allegorien überladen, so dass auch das vollentwickelte Menschenhirn rasch überhitzt. Fazit: Fantasie-Drachen aus Pappmaché und Pailletten lösen keine Probleme. Machen aber das Ganze erträglicher.

(Review: Elwood Stantz)


Family Dinner (2022)

Dass die Österreicher sowohl schwarzen Humor als auch beklemmende Situationskomik einfangen können, haben nicht nur die beiden Altherren Ulrich Seidl und Michael Haneke mehrfach bewiesen. Mit Peter Hengl versucht der nächste Shootingstar das Erbe anzutreten. «Family Dinner» ist sein Spielfilmdebüt und erzählt die Geschichte der übergewichtigen Simi (Nina Katlein), welche bei ihrer Tante Claudia (Pia Hierzegger) die Ostertage verbringt. Claudia ist eine berühmte Ernährungsberaterin und Köchin, welche Simi mit einem restriktiven Fasten-Programm, ein paar Pfunde von der Waage nehmen will. Das Peter Hengl Hanekes Meisterwerk «Funny Games» mag, ist nicht nur inszenatorisch offensichtlich. Die schleichende Eskalation bis zu der unausweichlichen Klimax ist grandios eingefangen. Vertonung und Bildsprache sattelfest. Leider hinkt das Drehbuch der Umsetzung hinten nach. Kleinere Handlungsstränge verlaufen ins Nirgendwo, einzelne Handlungen der Protagonisten sind höchst unglaubwürdig und der vermeidliche Höhepunkt des Streifens ist überraschungsarm und unbefriedigend. Trotzdem, die rund 90 Minuten unterhalten prächtig und machen Lust auf mehr Hengl.

(Review: Ronny Kupferschmid)


L’année du requin (2022)

Der erste Hai-Film aus Frankreich. Gefundenes Fressen fürs NIFFF, welche sich die Rechte für die Weltpremiere sicherten und auch die beiden Filmemacher Ludovic Boukherma und Zoran Boukherma nach Neuchâtel einluden. Die Brüder Boukherma liessen es sich natürlich nicht nehmen, vor dem Film in einem vollgepackten, selbstverständlich überhitzen Kino Arcades ein paar Worte ans Publikum zu richten und die anwesende Meute auf den Film einzustimmen. Einen Horrorfilm, gespickt mit Humor und Drama sei zu erwarten. Die Vorfreude war gross. Umso grösser die Ernüchterung. «L’année du requin» ist für einen Horrorfilm zu langweilig. Der fischige Antagonist taucht im ganzen Film keine zwei Minuten auf. Und wenn, dann lässt «Jaws 3»-Niveau grüssen. Anstelle eines grossen Plastikhais hätten hier sogar «The Asylum»-Effekte besser gepasst. Wie Unterwasser-Horror mit bescheidenem Budget geht, hat beispielsweise «47 Meters Down» um Längen besser bewiesen. Auch der angekündigte Humor blieb auf der Strecke. Ausser man zählt halbgare Jaws-Zitate und klischiert überzeichnete Charaktere dazu. Besonders letzteres hilft dann wiederum nicht, um den dezent eingestreuten Drama-Elementen genug Wumms zu verleihen. Ein inszenatorischer Fokus hätte dem Streifen gut gestanden. Trotzdem ist „L’année du requin“ süffig anzusehen und bietet solide NIFFF-Mittelware.

(Review: Ronny Kupferschmid)


Sissy (2022)

Der australische „Sissy“ von Hannah Barlow und Kane Senes dreht sich um eine Influencerin Cecilia (Aisha Dee), welche zufällig ihrer Jugendfreundin Emma (wiederum Hannah Barlow) begegnet und zu deren Junggesellinnenparty eingeladen wird. Dummerweise trifft sie dort auch auf ihre alte Jugendfeindin und die Party läuft aus dem Ruder. „Sissy“ ist ein lustiger Slasher mit überzeichneten und doch komplexen Charakteren, welcher sowohl die klassischen Genre-Elemente bedient – hallo grossartige Gore-Effekte – als auch auf den Kopf stellt. Gut und Böse tauschen gerne mal ihre Plätze. Zudem hat der Streifen auch eine klare Meinung zur dunklen Seite der Social Media, wirkt aber nie belehrend oder platt. Aisha Dee und Hannah Barlow in der Hauptrollen verleihen ihren Charakteren eine unerwartete Tiefe. Besonders Dee als Social-Media-Lifecoach sorgt für Cringe und Zucker. Ein Glitzer-Slasher.

(Review: Ronny Kupferschmid)


Ach du Scheisse (2022)

Architekt Frank (Thomas Niehaus) liegt bewusstlos, eingequetscht und teils aufgespiesst in einem Dixi-Klo. Dumm gelaufen. Noch dümmer: Das Klo liegt in der Baugrube eines Gebäudes, welches in wenigen Minuten in die Luft gesprengt werden soll. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Filmtitel und Szenerie lassen Infantines erwarten, doch das Spielfilmdebüt von Lukas Rinker umschifft die Fett- resp. Fäkalnäpfchen gekonnt. Klar bleibt der Fäkalhumor nicht gänzlich auf der Strecke, glücklicherweise liegt der Storyfokus auf dem Überlebenskampf des Protagonisten. „Ach du Scheisse“ ist ein kurzweiliges Gaudi, welches sich nicht vor ähnlich gelagerten Kammerspielchen, wie „Phone Booth“ oder „Buried“ verstecken muss.

(Review: Ronny Kupferschmid)


Die schwarze Spinne (2022)

Emmental, 13. Jahrhundert: Das Dorf Sumiswald wird von Ritter von Stoffel und seinen Mannen drakonisch regiert, die Bevölkerung immer wieder zu noch irrwitzigeren Frondiensten herangezogen. Als der Bau eines Schattganges vor der ritterlichen Burg innert Monatsfrist die armen Bauern zu brechen droht, geht die Hebamme Christine einen Bund mit dem Teufel ein, welcher sich ihr in Gestalt eines Karrenmachers anerbietet. Nach erfüllter Arbeit will ihn die Dorfgemeinschaft jedoch um seinen Lohn, ein ungetauftes Kind, prellen – aber der Leibhaftige besteht auf die Erfüllung des Paktes! Eine Spinnenplage sucht die Bewohner heim, diese wiederum geben Christine für alles die Schuld… Jeremias Gotthelfs Novelle von 1842 kennen wohl viele noch aus der Schule. Die Verfilmung erzeugt dieselbe düstere, bedrückende Stimmung, stellt aber anders als das Buch, keine der Figuren in den Vordergrund. Hingegen wurde die Geschichte zwar ausgedünnt und das Ende verkürzt, aber durch Regisseur Markus Fischer mit Detailgenauigkeit in Kostüm und Kulisse auf die Leinwand gebracht. Einzig bei der Darstellung des Teufels hätte man Anatol Taubman mehr Spielzeit gewünscht, so vermag er die perfekt zu ihm passende Rolle gar nicht richtig auszufüllen. Alles in allem zeigt der Film ein Stück mittelalterliche Schweiz, welches man so noch nicht gesehen hat.

(Review: Boris Ischi)


I am what I am (2021)

Der chinesische Animationsfilm, welcher gleichzeitig Film de Clôture des diesjährigen NIFFF war, handelt von Gyuan, einem Jungen, der urplötzlich seine Begeisterung für den Löwentanz entdeckt. In diesem quietschbunten und wilden anzusehenden, aber gnadenlosen Tanzwettbewerb treten Tänzer in Kostümen der berühmten Papierdrachen gegeneinander an. Der Parcours, durch den sie sich tanzen müssen, ist knallhart, schwierig und verzeiht keine gröberen Fehler. Nach anfänglichen Selbstzweifeln kann Gyan seine besten Freunde, ebenfalls Underdogs wie er und einen Altmeister des Tanzes zum Training überreden. Nun nimmt farbenprächtiges, wildes Spektakel auf schwindelnd hohen Stelzen und Masten seinen Lauf… Die Produktion überzeugt mit Perspektiven und Detailtiefe, wie man sie in einem Animationsfilm noch selten gesehen hat. Die Charaktere kommen sympathisch daher, auch wenn manch ein Gefühlsausbruch allzu überdreht cartoonhaft scheint, auf die Tiefe der Charaktere wurde bewusst Wert gelegt. Regisseur Haipeng Sun arbeitete mit seiner Crew zwei volle Jahre an dem Film um sich von der riesigen chinesischen Konkurrenz abzuheben. Tatsächlich lobte die China Film Critics Assocation den Film als „als Signal zum Wechsel“ in der dortigen Animationsfilmbranche. Was da noch kommen wird, sei dahingestellt, auf jeden Fall ist „I am what I am“ ein farbenprächtiges Vergnügen mit viel Gefühl und Humor.

(Review: Boris Ischi)


Men (2022)

Ausnahmetalent Alex Garland („Ex Machina“, „Annhiliation“) meldet sich mit „Men“ zurück! Am NIFFF feierte der Film eine erfolgreiche Schweizer Premiere. Im Zentrum der Geschichte steht Harper (Jessie Buckley), die einen traumatisierenden Unfall verarbeiten möchte und dazu ein paar Tage in ein englisches Landhaus zieht. Doch statt Idylle und Ruhe zu finden, macht Harper die Bekannschaft mit schmierigen, mysteriösen und geisteskranken Männern. In gekonnter Manier fasst Garland Ängste und Bedrohungen zusammen, die leider für viele Frauen zum Alltag geworden sind. Trotz des aktuellen & ernsthaften Themas bleibt der Film aber nicht in der Realität gefangen. Horror, Fantasy und Gesellschaftskritik geben sich in diesem gelungenen Werk erfolgreich die Hand. Und über das Ende liess es sich am NIFFF mit ein paar Bier im Festivalzentrum wunderbar unterhalten.

(Review: Tanja Lipak)


X (2022)

Die Prämisse klingt schon mal vielversprechend: 3 Päärchen mieten in den 70er Jahren auf einer texanischen Farm ein Landhaus um einen „hochstechenden“ Porno zu drehen. Das mit dem Hochstehen klappt zumindest und die dreckigen Bilder sind im Kasten. Dumm nur wecken die heissen Dreharbeiten auch die Lust der alten Farmdame.
Bei diesem Film wurde viel, sehr viel gelacht. Dies liegt zum einen an den gewollt komischen, vielermals aber auch ungewollt komischen Szenen. Spannung, Horror, Gliederteile, Blut und sogar Alligatoren hat der an „Texas Chain Massacre“ angehauchte Film zu bieten. Kurzweillige Unterhaltung par excellence!

(Review: Tanja Lipak)


Saloum (2021)

Ein Film aus Senegal? Wieso nicht? Was als stumpfe und actiongeladene Söldner-Glorifizierung beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einem reizenden Streifen für Genre-Fans. Mit interessanten, überzeichneten und charmanten Charakteren fühlt man sich schnell in „Saloum“ wohl. Die Erzählgeschwindigkeit ist eine weitere Stärke dieses 84-minütigen Werks, welches durch sehr gute Action-Montagen flankiert wird. Das exotische Setting und fremdländische Musik runden das Ganze ab. Was uns auch überzeugt hat: Die Defizite der Produktion wurden hervorragend durch einfallsreiche Tricktechniken kaschiert.

(Review: Elwood Stantz)


Zalava (2021)

Iranische Tragödie mit einer Prise Sarkasmus. In einem abgelegenen Bergdorf bricht Massenhysterie aus, weil ein Dämon besitz von einer junge Frau ergreift. Der aufgeklärte und junge Polizeiwachtmeister Massoud Ahmadi versucht Hilfe zu leisten. Dabei gerät er in einen sehr persönlichen Konflikt. Der Film schafft es effektiv Spannung aufzubauen. Beispielsweise fiebert man als Zuschauer:in mit, wenn ein (spezielles) Einmachglas, welches mehrfach auf den Boden aufprallt und man nicht weiss, ob es zerbricht oder nicht. Auch thematisiert „Zalava“ ein universelles Thema auf eine sehr clevere Art und Weise: Welche Auswirkungen hat ein verankerte Glaube in einer zeitgenössischen und rationalen Gesellschaft. Dieses Thema ist sowohl vor der Islamischen Revolution aktuell wie auch in unserer Gegenwart. Leider hat der Film aber auch Längen, die nicht alleine durch die wunderschönen Landschaftsaufnahmen überwunden werden können.

(Review: Elwood Stantz)


Vesper (2022)

Oliver Twist in der Dystopie. Oder eben nicht ganz. In einer Welt, wo die ursprüngliche Biodiversität der Flora und Fauna durch genmanipulierte Gegenstücke ersetzt wurden, herrschen abgeschirmte und wohlhabende Städte über das Überleben der Menschheit. Denn nur diese sogenannten Zitadellen erstellen und vertreiben genmutiertes Saatgut, welches nicht für den Nachbau geeignet ist. Und durch das junge Mädchen mit dem Namen Vesper, welches verwilderte in einer Art postapokalyptischen Wald wohnt, werden wir in diese Welt eingeführt. Wir durften die das fantasievolle Artdesign der imaginären Pflanzen entdecken, welches uns faszinierte. Und auch die trostlose, unfreundliche und drückende Stimmung wird wundervoll durch das Tempo wie auch das Color Grading rübergebracht. Leider will der Film zu viel, ohne wirklich was zu sein: Coming of Age, Kapitalismuskritik oder Verlust der Artenvielfalt Thematisieren. Das nur eine kleine Auswahl an Sujets, die sich gegenseitig vermischen und bis zur Unkenntlichkeit überblenden.

(Review: Elwood Stantz)

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