Vater-Tochter, Vater-Sohn oder doch lieber Mutter-Tochter? In diesem Threesome gehen wir drei interfamiliären Beziehungen auf den Grund.

Toni Erdmann (2016)

Vater-Tochter. So. Auch wir unterwarfen uns dem „Toni Erdmann“-Hype, können diesen aber nur bedingt verstehen. Klar, Sandra Hüller und Peter Simonischek harmonieren in dieser Dramödie, als die auf ihre Karriere fokussierte Tochter und deren Eintrachts-bedürftigen Vater. Klar, die verbalen Schlagabtäusche der beiden strotzen vor Sprachwitz und Ironie. Klar, einzelne Szenen sind zum Schreien komisch. Aber sorry, der Streifen ist auch höchst unglaubwürdig und das Duo auch höchst unsympathisch. Wie der Papa das steife Leben seiner Tochter infiltriert ist gesucht und kindisch. Hallo Furzkissen und Monster-Gebiss. Wie verschafft sich ein ungepflegter, offensichtlich verkleideter Herr,  Zugang zu allen erdenklichen High-Class-Apéros? Hochkant rauswerfen würden man den Rüpel, doch stattdessen hängen plötzlich die mächtigsten CEOs an seinen Lippen. Wieso? Wegen seiner Life-Coach-Visitenkarte? Wegen seinem „Charme“? Plausibel ist anders. So bietet zwar „Toni Erdmann“ in seiner überlangen Laufzeit von 162 Minuten nette Charakterzeichnungen, verliert sich aber zu oft in massentauglichem Schenkelklopfhumor. Mal schauen was Jack Nicholson und Kristen Wiig aus dem geplanten amerikanischen Remake so rausholen. Aufgrund der amerikanischen Prüderie wird mit Sicherheit das äusserst abstrus dämliche, hässliches FKK-Finale gestrichen. Zum Glück. Nicht falsch verstehen, „Toni Erdmann“ ist beileibe kein schlechter Film, doch dermassen grandios ist er definitiv nicht.

 

The Autopsy of Jane Doe (2016)

Vater-Sohn. Nicht erst seit „Nightwatch“ wissen wir, dass sich Settings in Leichenhallen perfekt zur Gänsehaut-Stimulation eignen. „The Autopsy of Jane Doe“ ist endlich wieder mal ein solcher Streifen, der es schafft, das Potential dieser Location komplett auszukosten, ohne sich auf plumpen Jump-Scares auszuruhen. Brian Cox und Emile Hirsch überzeugen als Pathalogen-Vater-Sohn-Gespann, welches sich durch die eine mysteriöse, unidentifizierbare Leiche (hübsch: Ophelia Lovibond) schneidet, sägt und hämmert. Wie Pandoras-Box öffnen die Leichenbestatter den toten Körper und mit jedem Skalpell-Einsatz wird die Verwunderung grösser: was zur Hölle hat es mit den kryptischen, im Körper eingravierten Botschaften auf sich? Ist Jane Doe wirklich tot? Der norwegische Regisseur André Øvredal (Trollhunter) überzeugt bei seinem ersten englisch-sprachigen Film durch ein düsteres, schön fotografiertes Ambiente und vereinzelt originellen Horror-Elementen. (Hallo Glöckchen!) Auch das Duo Cox/Hirsch legt eine solide Performance an den Tag und interagiert in der zu Teil aus dem Ruder laufenden Story jederzeit plausibel. Zudem ist der Film schön blutig. Alles hurra? Nicht ganz, denn die Story lahmt und bietet schlussendlich wenig neues. Dennoch ist der Streifen, auch dank des Settings in der Leichenhalle, einer der besseren Horror-Filme der letzten Jahre und hat zurecht einen Rottentomatoes-Score von 85%.

The Monster (2016)

Mutter-Tochter. Das ins Horror-Kleid getunkte Mutter-Tochter-Drama macht eigentlich vieles richtig, doch leider gehört ausgerechnet das titelgebende Monster nicht dazu. Zu den Stärken des Streifens von Regisseur/Drehbuchautor Bryan Bertino („The Strangers“) gehören zweifelsohne die beiden Schauspielerinnen. Schön zu sehen, wie die aus „Ruby Sparks“ bekannte Zoe Kazan es schafft, ihrer anfangs durch und durch unsympathischen Figur während der Laufzeit des Films Würde und Menschlichkeit zurück zu geben. Die schauspielerische Tour-de-Force Kazans ist der Lichtblick von „The Monster“. Auch Ella Ballentine mit Jahrgang 2001 legt eine für die Zukunft vielversprechende Performance ab. So zieht der Film seine Stärken aus den zwischenmenschlichen Tönen, doch wenn „The Monster“ drauf steht, muss halt auch ein Monster drin sein. Während bei „Monsters“ von Gareth Edwards („Godzilla“, „Rogue One“) dieser Spagat subtil und wunderschön gelöst wurde, wird hier mit dem Holzhammer auf die Zuschauer eingeprügelt. Das Monster (Chris Webbpasst weder visuell noch erzählerisch zu Film und wirkt wie ein Fremdkörper. Sein Terror ist einzig nur dann spürbar, wenn Kamerafrau Julie Kirkwood es in unscharfen Konturen und Schattenspielereien im Hintergrund lauern lässt. Sobald das dunkelblaue, schleimige Raubtier in seiner Gänze erscheint, verpufft jegliche Spannung. Schade.

 

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