Kurz:

Kaboom, Päng, Smash, Booom.

Lang:

Um die Entstehungsgeschichte von „Hardcore Henry“ zu durchleuchten, starten wir mit einem Musikvideo der Band „Biting Elbows“:

Unter dem Zepter eines gewissen Ilya Naishuller wird in diesem mehrfach ausgezeichneten Video-Clip eine 4.56 Minuten lange, blutige, Action-geladene Hetzjagd abgefeiert – in Ego-Perspektive. Über den (eher belanglosen) Song der russischen Punk-Pop-Combo, in welcher Naishuller selbst mitspielt, kann man sich streiten, die visuelle Präsentation von „Bad Motherf**ker“, so der nette Titel des Songs, ist aber technisch brillant umgesetzt und extrem kurzweilig.

Mit diesem Video in der Tasche begab sich Naishuller auf die Suche nach einem Produzenten, welcher genug verrückt sein sollte, sein Musikvideo auf Spielfilmlänge auszudehnen. Fündig würde er beim russischen Regisseur/Produzenten Timur Bekmambetov (Wanted, Nightwatch, Ben Hur).

„Hardcore Henry“ macht vieles richtig. Selten wurde Action-Nonsense derart auf die Spitze getrieben. Besonders die Stunt-Arbeiten wurden auf höchstem Niveau abgeliefert. „GoPro umschnallen, Brücke runterstürzen“ – so in etwa kann man sich den Kamikaze-Dreh vorstellen (oder nachlesen). Dem Trash- und Action-affinen Zuschauer bleibt in Anbetracht der masochistischen Produktion nichts anders übrig, als dem Streifen Kredit zu geben. „Hardcore Henry“ ist und bleibt ein höchst erfrischendes Action-Fest und unterstreicht mit einer gehörigen Portion Over-the-Top-Gore den Fakt, dass er sich zu keiner Sekunde ernst nimmt. (Sogar Platz ein klassischer „Willhelm Scream“ findet seinen Platz. So schön.)

Doch Monotonie war noch nie ein guter Begleiter und so liefert der Streifen einen weiteren Beleg ab, dass „zu viel des Guten“ halt auch einfach „zu viel“ bleibt. Was beim „Biting Elbows“ über kompakte fünf Minuten tiptop funktionierte, ist über 90 Minuten einfach nicht ertragbar. Und so wird der grosse Gimmick von „Hardcore Henry“ gleichzeitig auch zu seiner Achilles-Ferse. Die Point-Of-View-Action ermüdet und ist mit der Zeit richtig störend. Im Tohuwabohu verliert der Zuschauer einfach zu schnell die Orientierung und so verkommen die einzelnen Action-Szenen zu zusammengewürfelten Copy/Paste-Momenten:

  • Henry rennt,
  • Henry ballert,
  • Henry fällt,
  • Henry steht auf,
  • Henry rennt,
  • Henry prügelt,
  • Henry schlägt alle,
  • Henry läuft weg – und das Ganze mehrmals nacheinander, teils nur mit marginalen Ruhepausen.

Der Vorteil eines Films in Ego-Perspektive: die Hauptfigur kann von verschiedensten Personen verkörpert werden, ohne dass es der Zuschauer merkt. Bei „Hardcore Henry“ schlüpften 10 verschiedene Stuntmänner, inklusive Regisseur Naishuller selbst, in die Rolle des Protagonisten. (Siehe Video unten!) Stets visibel und mittendrin: Sharlto Copley („District 9“, „Elysium“). Der bekannteste Schauspieler in diesem Streifen, den Cameo von Tim Roth mal nicht mitgezählt, erinnert mit seiner Performance an Dieter Hallervorden aus „Didi und die Rache der Enterbten“. Und das höchst positiv. Copley schlüpft in zig verschiedenen Rollen, jede absurder und übertriebener als die andere. Die meisten Figuren drehen am richtigen Knöpfchen, nur ein/zwei Charaktere sind ganz üble Rohrkrepierer, seine Performance passt aber zum absurden Gesamtbild des Streifens.

Fazit:

„Hardcore Henry“ birgt reichlich Kult-Potential: der Pace, die Gewalt und vor allem auch der derbe Humor erinnern nicht selten an „Crank“. Schade verursacht der Streifen Kopfweh.

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2 thoughts on “Rezension: Hardcore Henry (2016)

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