Kurz:

Was es bedeutet ein Transgender zu sein im Amerika der 1950er Jahre.

Lang:

Da taucht er wieder auf bei der Kultmoviegang: Edward Davis Wood Jr. (Plan 9 from Outer Space, Night of the Ghouls). Der Urvater der schlechten Filme, welcher selber gerne Frauenkleider getragen hat¹, hat der Welt einen der ersten Filme beschert, welcher sich mit dem Thema Cross-Dressing und Transsexualität befasst. Aber was für ein Film ist es? Ein Drama? Ein Unterrichtsfilm? Ein Horrorfilm? Ein Werk mit dadaistischer Absicht? Glen or Glenda deckt gewissermassen alle Genres ab. Und zwar nicht immer freiwillig.

Was ist das Gegenteil von „gut“? Genau: Gut gemeint. Und dies trifft bei dieser Billigproduktion gänzlich zu. Bei der Thematik Transgender könnte man davon ausgehen, dass Glen or Glenda ein ernstzunehmender Streifen sein muss, der die eigene Toleranz ansprechen sollte. Jedoch mutiert man nach kurzer Zeit zu einem Voyeur, der sich an dem Gesehenen ergötzt, als wäre man an einer Freakshow auf dem Jahrmarkt.

Es wird zwar versucht durch Implikationen zu erklären was Transgender sind und wieso es sie gibt. Jedoch driften die Schlussfolgerungen des Öfteren ab in kuriose Erklärungsversuche. Beispielsweise versucht man im Film zu vermitteln, dass weibliche Mode viel angenehmer zu tragen ist als die Herrengarderobe: „When a modern woman’s day of work is done, that which is designed for her comfort IS comfort. Hats that give no obstruction to the blood flow, hats that do not crush the hair.“ Weiter werden überholte Argumente verwendet, welche amüsieren: „There in the lesser civilized part of the world, it’s the male who adorns himself with the fancy objects, (…) The true instinct.“ Dazu laufen sehr schlechte Transvestiten durchs Bild, welche eher die Lachmuskeln anregen, als den Zuschauer zu sensibilisieren.

Aber wie ist eigentlich die Geschichte aufgebaut? Beginnen wir mit dem Fassbaren: Ein Psychologe, welcher als Erzähler fungiert, schildert nach dem Selbstmord eines Transvestiten einem Kommissar zwei Episoden von zwei unterschiedlichen Transgender:

  1. Die Geschichte von Glen, ein Cross-Dresser der heimlich als Glenda lebt und im Zwiespalt ist, ob er seiner Verlobten sein Geheimnis anvertrauen soll.
  2. Die Ereignisse von Alan, welcher sich im falschen Körper gefangen fühlt und sich zu Anne umoperieren lässt.

Soweit verständlich und nachvollziehbar. Die Erzählung wird jedoch flankiert von seltsamen Einblendungen und Szenen. Zum einen taucht Bela Lugosi (Dracula, Ninotchka) wiederkehrend und urplötzlich als verrückter Wissenschaftler auf, welcher die Geschichte lose kommentiert und anschliessend wieder wie durch Zauber verschwindet. Zum anderen verwandelt sich der Streifen mittendrin durch eine Traumsequenz in einen Stummfilm. In diesen Sequenzen taucht zum Beispiel der Teufel auf, welcher einer Trauung beiwohnt und zwei leicht gekleidete Damen, die sich mit Sado-Maso-Peitschen-Spass vergnügen. Nach grobem Empfinden, wurden diese Szenen wahllos und sinnfrei eingesetzt. Und genau aus diesem Grund erinnert er an einen dadaistischen Film. So erschafft man unfreiwillig ein avantgardistisches Werk, und nicht anders!

Was auch sehr unterhaltsam ist, ist der Einsatz von Stock Footage: Ein künstliches Gewitter, eine belebte Autobahn oder Bilder des zweiten Weltkriegs. Manchmal sind sie passend eingesetzt. Andere Male scheinen sie willkürlich eingesetzt. Und oft zieht dieses Filmmaterial den Streifen unnötig in die Länge.

Entsprechend überrascht es nicht, dass auch die Schauspieler unglaubwürdig spielen und das Drehbuch sich sehr plump anfühlt. Einmal läuft der Schauspieler aus dem Bild und leiert seinen Dialogtext ungeniert weiter. Ein anderes Mal hört sich die Off-Stimme an wie eine schlechte Radiowerbung einer Versicherung aus den fünfziger Jahren. Und dann taucht wieder unverhofft der Wissenschaftler über einer Büffelherde auf (durch die Magie der Doppelbelichtung), schaut uns grimmig an und ruft uns, „Pull the string! Pull the string!“, zu. Wieso er das macht und was er damit meint, weiss wohl nicht mal Ed Wood.

Pull the Strings

Auch die Bearbeitung des Films hat die Messlatte sehr tief angelegt: Schauspieler werfen drei Schatten, Schnitte mitten in einer Szene, die sogar ein Blinder wahrnimmt oder eine falsche Schlagzeile, die offensichtlich auf eine echte Tageszeitung aufgeklebt wurde. Um nur einige zu aufzuzählen… Nennen wir sie mal Fauxpas, die neben aufgemalten Hintergründen als misslungen auffallen.

Am Ende ist man durchgehend irritiert durch die schauspielerischen Fähigkeiten, die Regiekünste und die Qualität von Ed Wood als Drehbuchautor. Man ist hin und her gerissen, ob nun Glen or Glenda einen gesellschaftskritischen Standpunkt vertritt zu den Geschlechterrollen oder es sich um eine Neuinterpretation von Mary Shellys Frankenstein handelt.

Fazit:

Wenn man dem Internet glauben will, ist Glen or Glenda einer der Lieblingsfilme des von uns oft beschworenen Kultregisseurs David Lynch. Und das zurecht! Obwohl der Film fast alles falsch macht (oder genau deswegen), ist es der Vorreiter aller besten schlechten Filme. Er erweckt den Eindruck, ein Genie hätte absichtlich einen schlechten Film gedreht, um Konventionen zu brechen. Mehr als sehenswert!

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The Best Worst

 

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