Kurz:

Aloys Adorn ist ein einsamer Detektiv, der das Leben lieber aus der Distanz beobachtet und mit seiner Kamera filmt als sich mit Menschen persönlich einzulassen. Diese akute Vereinsamung durchbricht eine geheimnisvolle junge Frau, die ihn mit Telefon-Wanderungen immer mehr aus seiner mentalen Isolation drängt.

Lang:

Das Langspiel-Filmdebut von Tobias Nölle, geboren in schmucken Erlenbach, kann sich sehen lassen. Mit der absolut non-konformen Filmfigur namens Aloys Adorn schuf er einen skurillen, befremdenen Charakter, welcher die Zuschauer zu gleichen Teilen abstösst wie auch anzieht.

„Aloys“ distanziert sich gekonnt vom eher biederen und rein erzählerischen Stil der Schweizer Filmszene, denn selten war ein Schweizer Streifen so originell, skurril und surreal. Bitte nicht falsch verstehen, der Schweizer Film lässt in unregelmässigen Abständen immer wieder aufhorchen. 1999 kokettierte Daniel Schmid mit seinem „Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz“ gekonnt mit Schweizer Klischées, Samir schuf mit „Snow White“ ein visuell betörendes (aber schlussendlich eher zahmes) Drogendrama, „Strähl“ und „Nachbeben“ begeisterten mit grossem Schauspielkino während „Cargo“ und „Verso“ versuchten, das amerikanische Blockbuster-Format zu kopieren. Mit „Sennentuntschi“, „Der Goalie bin ig“ und “Schellen-Ursli“ gelang es auch, Schweizer (Literatur-)Klassiker gekonnt auf die Leinwand zu bringen. Zudem bleibt unbestritten, dass wir Schweizer auch grandiose Dokumentar-Filme rausbringen können: „More than Honey“, „ Electroboy“ und „Zum Beispiel Suberg“ sind nur drei Beispiele. Dennoch bietet „Aloys“ mehr als die erwähnten Filme – nämlich ein unglaublich stilsicheres Gespür für Bild, Ton, gewürzt mit ultra-trockenem Humor und vorne weg eine 100%ige Stringenz.

So referenziert Nölle – gewollt oder ungewollt – die trockene, analytische Bildsprache eines Ulrich Siedl („Hundstage“, „Import Export“) oder eines Roy Andresson („You the Living“,Songs from the Second Floor“), präsentiert aber mit Aloys Adorn eine dermassen einzigartige Filmfigur, dass sich sein Film definitiv nicht vor Plagiatsvorwürfen fürchten muss. Georg Friedrich spielt Alyos mit einer gezügelten Dringlichkeit, dass es unmöglich ist, sich einen anderen Schauspieler in dieser Rolle vorzustellen. Friedrich, hauptsächlich bekannt durch verschiedene TV-Serien, spielte auch bereits in vielen Grossproduktionen mit. Eigentlich lag es auf der Hand, dass er nach der französischen Produktion “La pianiste“, dem deutsche „Stereo“ und dem erwähnten, österreichischen „Hundstage“ jetzt auch mal in einer Schweizer Produktion mitmischte. Dass Friedrich dem Film seinen eigenen Stempel aufdrückt, kann aber – #gärtli-dänke-ein – auch als kleiner Makel quittiert werden. Denn eigentlich ist es schade, dass wenn schon mal ein Schweizer Film mit einer solchen eigenen, eindrücklichen Handschrift präsentiert wird, der Protagonist nicht auch von einem Schweizer gespielt wird.  #gärtli-dänke-aus.

Der Streifen glänzt mit einer Ideenvielfalt und der wunderschönen Cinematography von Simon Guy Fässler. Detailverliebt und akribisch erinnern die Settings einzelner Szenen auch an die melancholische Bildsprache des grandiosen Fotografen Gregory Crewdson (google him!). Doch bevor der Film in der dick aufgetragenen Ladung Melancholie zu versinken droht, rettet ihn Nölle mit seinem sicheren Gespür für trockenen Humor. Ein Must-See.

Fazit:

„Aloys“ ist vieles: ein Plädoyer gegen Einsamkeit, ein visueller Bilderrausch, eine schwarze Komödie oder eine Portrait zweier Grossstadt-Neurotiker, die den Zugang zum Leben nur schwer zu finden scheinen. Auf jeden Fall ist „Aloys“ aber eines: ein richtig guter Film, der sich wagt mit zwei grandiosen Schauspielern und einem audiovisuellen Trip aus der Norm auszubrechen. Man darf gespannt sein, was das Filmkollektiv „8 Horses“, zu welchem nebst Nölle unter anderem auch Simon „Chrieg“ Jaquemet gehört, in Zukunft auf dein Leinwand bringen wird. Der Schweizer Film ist wieder spannend.

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2 thoughts on “Rezension: Aloys (2016)

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